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Urs Jaeggi


BEN ODER NEVER TO OPEN



Ben Vautier sagt: Es gibt nichts Besseres, als zu sagen, daß ich aufgehört habe zu malen. Es gibt nichts Besseres, als aufhören zu denken, daß ich aufgehört habe zu malen. Es gibt nichts Besseres, als Schlafmittel zu nehmen und zu schlafen. Es gibt nichts Besseres, als aufhören zu schreiben. Es gibt nichts Besseres, als fernzusehen. Es gibt nichts Besseres, als Ihnen zu sagen, daß die Kunst nicht existiert. Es gibt nichts Besseres, als sich ins Bett zu legen und mit jemandem zu schlafen. Es gibt nichts Besseres, als in eine Geige zu pinkeln.

Diese Sätze und das Bild, Un demi mur d'idées, sind mehr als abendfüllend. Und sehr klar, sehr frech. Sie machen auch klar, warum in einem Kunstmuseum über ihn zu reden zu den normalen Absurditäten gehört, weil Ben, so signiert er, einer losen Künstlergruppe angehörte, die man später in den Namen "Fluxus" einsperrte, und die ihre Einfälle außerhalb der Museen und der Kunsthallen gegen diese realisierten. Auch gegen den Markt, zumindest am Anfang. Sie machten mit allem, was ihnen in die Hände fiel, etwas, sie machten etwas aus dem, was sie zusammensuchten. Sie inszenierten. Sie inszenierten Anstößiges, Unerwartetes, Fluxus eben. Flüchtiges, Ephemeres, zufällig und sorgfältig zufällig Aufbereitetes. Nichts blieb verschont. Ein schöner Satz vonGiuseppe Chiari: "Legen Sie die Sanduhr ans Ohr und hören Sie die Zeit."

Die Zeit hat sie gehört. Der Name Fluxus, vor allem aber das, was die unter diesem Namen Zusammengefaßten werkelten, katapultierte die Macher, obwohl sie überall sein wollten nur nicht dort, massenhaft in Sammlungen und Museen. Ben Vautier, unter anderen, Dieter Roth, Daniel Spörri, George Macunias, Nam June Paik und Joseph Beuys. Eine umtriebige und muntere Sippschaft, die wußte, daß nach dem ersten Weltkrieg konstruktive Destrukteure (DaDa) ihre Hirne und übrigen Glieder bewegt hatten, um vieles anders zu machen. Bürgerschreck, Neu- und Schrägtöner. Kunst und Leben, Kunst und Politik (alle Sparten durcheinander wirbelnd). Wort. Bild. Musikfetzen, Geräusche, Lärm, Harmonien. Man sagte später, im Unterschied zu Dada, sei Fluxus keine agressiv zerstörerische Bewegung gewesen. Eine Fehleinschätzung. Der wunderschöne Titel für die Bremer Fluxus-Ausstellung im Mai 23002, das Palindrom Oh cet écho von André Thomkins, stellt die Frage: Welches Echo?

Als sie anfingen: verlacht, gehöhnt, geliebt und rasch Schneisenleger. Sie sammelten, zerstückelten, fügten zusammen, waren zärtlich und ausgebuffte Poeten. Fluxus und Popart: unübersehbar die ähnlich generierten Provokationen, und der Hang zu einer etwas verkorksten, doch inovativen Poesie, und das rührige, wilde, nie phallusartig in Richtung Politik Strebende (der irrtlichtende und Wortversessene Beuys ausgenommen). Die anderen trotzten und klotzten allerdings ebenfalls mit Genuß gegen den Kunstbetrieb, der im Wirtschaftswunderland Germany rasch wieder Fuß faßte. Fluxus ist, wiederholte man immer wieder, keine Kunst, und sicher keine, die Ewigkeit suchte. Alles, was mit Bewahren zu tun hatte, schien den Fluxus-Künstlern fremd. Fluxus heißt fließen, fließende Übergänge, wie sie in der Gegenstandswelt überall auftreten. Man nehme schrieb ein Kritiker, zwei Glasscheiben und einen Holzrahmen, baue damit eine Art Aquarium und fülle Johannisbeeren rein. "Das Kunstwerk verändert sich mit der Zeit, garantiert. Es erinnere ein bißchen an den Nudeltopf in der Wohngemeinschaftsküche, den niemand benutzt haben will und der nach drei Wochen zur Putzplan-Krisensitzung führte" (Klaus Irler). DaS Kann man NUR schwerlich so sehen. Mich erinnert es eher an meine Kindheit, als ich wegen meines pazifistischen Vaters im Geheimen Flugzeuge, Panzer und Soldaten selber kneten oder aus aus Hölzchen schnitzen und mit Drähten zusammenhalten mußte.

Die Fluxusse allerdings fingen nicht bei der Arte povere an. Wie bei DaDa war es zwar auch wieder Nachkriegszeit; in Afrika, Asien, Südamerika tobten von Großmächten angeheizte und ausgenützte Kriege, in Deutschland lief die ökonomische Aufholjagd, West und Ost. In der Schweiz, jedenfalls entlang der Flüsse und Seen, fanden wunderbare Vermögensvermehrungen statt, und die Literatur, Dürrenmatt als grandiose Ausnahmeerscheinung und Max Frisch als kluger und ingeniöser, architektöser Identitätssucher, versuchte Fuß zu fassen. Die beiden waren bereits überreginonale Generationssprecher. In der Kunst wuchsen Tinguely und Luginbühl in ihre bildnerischen Auswüchse hinein. Eine gute Zeit für Kunst.

Cut. Bildschnitt. Bevor ich weitermache, brauche ich einen Einschub. Mir waren Zeichnen und Malen vertraut, als ich noch kein Wort lesen konnte, und gelassen habe ich es später nie ganz, und nie war es Hobby. Ich bin ein studierter Autodidakt, aUch in der Wissenschaft und als Schriftsteller ist man es sowieso. Es gibt in meinem Leben enscheidende Brüche. Als ich statt eine Zeichnerlehre zu machen, damit ich später Architekt oder Maler werden konnte, eine Banklehre antrat, um in die Fußstapfen meines Vaters zu kommen. Ein Fehler, den ich rasch bereute. Andererseits geriet ich so in die Welt der Wörter. In den achtziger Jahren gab es einen zweiten Bruch. Ich wollte, nach jahrzehntelangem Kampf mit dem Wort, doch noch meinen Augen trauen und den Körper einsetzen. Bilder machen. Naiv, aber wenn man aus einem Gehege heraus will, ist Naivität wichtig. Ich ging in Berlin mit meinen Skizzen in der Hand zwei Jahre lang Tag für Tag in die Bildhauerwerkstatt und lernte mit Holz und Eisen umgehen, lernte fräsen, schweißen, löten, Holz bearbeiten, eher hemmungslos. Ich kümmerte mich nur um das Umsetzen der Bilder, die ich im Kopf hatte.

Und wieso ich, Jahre später wieder zum Wort zurückgekommen bin? Ich weiß, die Wörter waren nie weg, und als ich das merkte, als ich merkte, wie ich Wörter brauche und mich Wörter brauchen, wie sie sich in meinem Kopf festsetzten, anders festsetzten als früher. Wilder. Seit ich auch in der Kunst mit kargen lapitaren Zeichensystemen arbeite, wurde alles wieder jungfräulich. Zwischendurch lasse ich los, trete zurück, frage, verzweifle, um an einem andern Punkt wieder anzufangen. Da helfen scheinbare Flüchtigkeiten, Undeutlichkeit, Rasanz, Bewegungen des Zerreißens, des Widerstandes, das In-sich-einrollen, das Adieu an alles nicht. Am Rande zappeln.

Aber zurück zu Ben Vautier. Obwohl ich nicht freudig den überzitierten und mißbrauchten Jaques Derrida vorschiebe: seine Studie über die Wahrheit in der Malerei ist eine ergiebige Fundgrube. Unter anderem geht es, Kant vor Augen, um Schönheit. Es geht, auch wenn es Derrida nicht direkt so sagt, um Autonomie, um Selbstbestimmung und Selbstreferentielles. Der Tatbestand ist sauber umrissen. "Frei will besagen abgelöst von aller Bestimmung: das heißt nicht an einem Begriff hängend, der das Ziel des Gegenstandes bestimmt. (...) Frei will also den Begriff, der den Bezug zur Schönheit darstellt, besag(en).."

Man versteht so die Ambivalenz von frei und vage. Ein vages Gebiet hat keine festgelegte Grenze, ist ohne Rand, ohne Umrandung durch Einvernahme oder Besitz, ohne nicht weiter zerlegbaren Rahmen: "Vage ist eine Bewegung ohne eigenes Ziel, und trotzdem ist die vage Schönheit diejenige, die allein Anlaß zu einer Zuschreibung reiner Schönheit gibt; sie ist ein unbestimmtes Herumirren ohne Begrenzung.. Sie kommt nicht an ihrem Bestimmungsort (destination) an. Das, unterstelle ich, beschreibt sehr genau die Lage der modernen Kunst, mit der wichtigen Eingrenzung: die freie "Schönheit" hat als Partner das Häßliche, Grausame, das Absurde, die Ohnmacht. Darum geht es unter anderem bei Ben. Ich werde mich, um Ben herum und mit ihm eher entfernt vom Kunstschönen, im Absurden und Ephemeren bewegen, am Rande, an den Grenzen. Der Streit, konkret versus abstrakt, in den hinein man Ben nicht ziehen kann, dauert an, ist aber längst obsolet. Es gibt kein abstraktes Bild, das in einer konkreten Situation so überwältigend wirken konnte wie Picassos Guernica. Und möchten wir die wunderschön poetischen Zirkus- und Radfahrerbbilder von Fernand Leger missen, oder die versponnen präzisen Zeichnung von Paul Klee? Realistisches verteidigt sich naturgemäß mit Realität. Surrealistisches und Hyperrealistisches hat, wunderbar und Hand in Hand mit der Poesie, die Realität (fast) beliebig zur Verfügung. Die Abstrakten sind (fast) haltlos, haben immerhin Monochromes und Geometrisches als Stütze. Und die Fluxusleute wie Ben? Sie futieren sich um diese Grenzlinien. Der "hohen" Kunst ging es in der Neuzeit immer um Autonomie und um Selbst-referentielles. Fluxus setzte beim Herumirren, beim Grenzenlosen, beim angeblich Häßlichen, Unausgegorenen an. Auf die Schönheit kann man scheißen.

Kein Aspekt, der nicht auch Auffassung ist. /Wittgenstein)

Sehen?
Sehen ist ein Akt der Übereinstimmung, postuliert zwischen dem, der betrachtet und jenem, das er betrachtet. Indem die Augen dies oder das sehen, bestätigen sie sowohl die Wirklichkeit dessen, was sie sehen, als auch ihre eigene Wirklichkeit. Spiegelglück: ich erkenne mich in dem, was ich erkenne, ich entdecke mich in meinen Bildern, sagt Octavio Paz, und gleich folgt auch hier eine bittere Retourkutsche. Ich erkenne mich weder in dem, was ich sehe, noch erkenne ich das vorgegebene Objekt. "Die Welt ist weggegangen, von selbst, ich weiß nicht wohin. Es gibt keine Welt. Oder ich bin es, der weggegangen ist? Es gibt kein Wo. Es gibt eine Spalte, in der geologischen Bedeutung. : keine Lücke, sondern eine Kluft. Und in die hinein stürzen die Bilder." Die Wunde. Die Stille. Die Leere. Die Geräusche. Da setzten die Fluxuse an. Und nicht nur sie. Das große Taumeln.

Ben oder NEVER TO OPEN:

Exercise pour n'importe quoi
J'ai envie de mourir
Je sais pas quoi écrire
L'art est inutile. Rentrez chez vous


Ben schreibt das auf Bildtafeln. Die abwehrende und aufreizende Haltung ist klar: Was soll ich schreiben. Ich habe keine Lust zu sterben. Kunst ist überflüssig. Geht nach Hause. Ich immer ich.
Er formuliert diese Sätze plakativ. Schnörkellos. Kühl.

Ben Vautier, 1935 in Neapel geboren, kommt in die Türkei, nach Ägypten, in die Schweiz und schließlich nach Nizza. Arbeitet in einer Buchhandlung als Laufbursche, macht einen Secondhand-Plattenladen auf. Und stellt aus. RIEN ET TOUT. Oder BEN LIBRE ET FOU. Aus- stellungen im Centre Pompidou, Paris, Guggenheim Museum New York. Er ist einer der Wichtigsten unter den erfolgreichen Ketzern. Das Bild Ben is more important than nobody kommentiert er auf der Rückseite "Ich habe geschrieben: Ben ist wichtiger als Warhol, nach einiger Zeit dachte ich, daß Warhol wichtiger ist als niemand, also dachte ich, daß Ben wichtiger ist als niemand. n Ben ist witzig, auf den ersten Blick naiv, sehr überlegt naiv und unernst ernst. Oder ernst unernst. Er ist naiv und ist es nicht. Man kann sagen: er will naiv sein, man kann aber ebenso gut sagen er ist naiv, weil man ihm seine Ungebrochenheit glaubt, obwohl er mit gebrochenen Botschaften arbeitet. In manchem ein Bruder von René Magritte, ohne dessen raffinierte Doppelbödigkeit im Bild, und ohne dessen klassisch moderne Strenge. Magritte evoziert Erhabenes, Absolutes. Er sucht es nicht, er kann nicht anders. Seine Bilder zeigen es. Ben dagegen hebt etwas auf, wirft es hin, er arbeitet schnell, reiß auseinander, fügt es ungereimt zusammen und, nehme ich an, freut sich spitzbübisch dran.

Ich nehme Ben jetzt beim Wort und spiele ihn später gegen einen anderen. Margritte läge nahe, aber ich hole einen Entfernteren, und das wäre ziemlich unfair, wenn es nicht hülfe, Bens Bilder besser zu erklären. Zum Beispiel schreibt Ben: look out of the window. Oder: J'aime pas jeter les couleurs.

SCHAU ZUM FERNSTER HINAUS

Ich mag Ben, wenn er ein Bild sehr präzise und sehr bewußt hinstellt, nicht exakt in der handwerklichen Anfertigung, was ihn nie besonders interessiert hat. Er collagiert auf einfarbigen (häufig schwarzen) Flächen, setzt seine typisch französische Handschrift auf ein Foto, Postkarten und Schilder. Er läßt Buchstaben sprechen, Wörter und liebt Lapitares.

EXERCISE POUR N'IMPORT QUOI

Vieles wirkt wie Votivtafeln, lakonisch oder fordernd. Vieles auf Schiefertafeln. Einübungen ins Leben, ins Ungewohnte. In die Poesie. Einiges davon verblüfft auf den ersten Blick, vieles bleibt haften. Wenn man seinen poetischen BildWortsalat mag, kommt er einem schnell nah, manchmal fast zu schnell. Ben Vautier, offensichtlich, produziert Kopfgeburten, ich füge gleich hinzu, Kopfgeburten mit Witz und Charme.
Die häufig schwarzen Hintergründe erinnern an alte Fotoalben, und sollen es auch, und es sind häuig Schifertafeln. Man glaubt ihn lachen hören, während er vom Gemachten zurücktritt. Seine Fundkiste, die auch als Fundgrube auftritt, wirkt unerschöpflich, reizt zum Nachahmen. Man findet an sogenannten stillen Örtchen Artgenossen und nicht nur dort. Auf der Fahrt nach Solothurn las ich im Brandenburgischen auf einer hohen Wand ganz oben, weiß auf dreckigem Verputz: EIERSALAT IST MORD!
Wortsalat ist Aufruhr, Ausbruch aus dem Gefängnis.

Und jetzt, dagegengesetzt, ebenfalls ein Mal-Poet: Henri Michaux.
Er schreibt:
Aber die Leere mit den Händen fassen,/ den Hasen jagen und dem Bären begegnen./ Mutig auf den Bären losgehen und das Nashorn treffen./ In die Wüste vorstoßen, genötigt sein, daselbst seinen Viehbestand zu erneuern/ eieenen Knochen da, einen Zahn dort, ein Stück weiter ein Horn./ Dass ist für dich.

Ein Metapherspieler. Für Michaux ist Malen eine Reise ins Innere seiner selbst, eine Prüfung und auch ein luzides Zeugnis des Taumelns.
Jene, die ausersehen sind, auf die Mauern der Stadt geleimt zu werden, die wird man mit Abfall füttern. Man hat sie an die Kost gewöhnt....Der Dreck verdichtet sich... Die Käfige, gewaltsam aufgerüttelt, aber immer noch Käfige. ...

Wie ein letzter Platzregen in der Ferne ein Nichts
von Horizont in Grau derjenige der Vergangenheit?


Henri Michaux sagt: je peins comme j'écris. (Ich male wie ich schreibe). In einer BerlinerU-Bahn hat kürzlich ein wildbetrunkener alle Mitfahrer mit dem immer wiederholten Satz "Wissen ist Erfahrung" genervt.
Er hatTE recht.
Henri Michauxs "Ich male wie ich schreibe", um zu finden, um mich wiederzufinden, um mein eigenes Bestes zu finden, um einiges festzuhalten, um der Überraschung und gleichzeitig um der Freude willen, es erkannt zu haben, um das LÖSCHBLATT ZU SEIN der unzähligen Über-querungen, die in mir unaufhörlich zusammensztrömen, um überall den Eindruck "Gegenwart" darzustellen, um gewisse Undeutlichkeiten hervorzurufen oder erscheinen zu lassen, um die vitalsten Rhythmen hervorzuholen.
Michaux, der Wortmagier, sagt Octavio Paz, führt einen Kampf gegen die Phantome, die Götter und die Dämonen.
Le noir ramène auf fondement, à lòrigine.


Das Schwarze führt zum Grund, zum Ursprung, aber der Ursprung ist das, was ich in dem Masse, wie wir uns ihm nähern, entfernt. Er ist ein Punkt der Linie, die den Kreis beschreibt, und in diesem Punkt, sagt Heraklit, vereinigen sich Anfang und Ende. "Das Schwarz ist ein Grund, aber es ist auch ein Abgrund. Das Schwarz ist ein Brunnen, und der Brunnen ist ein Auge (Octavio Paz).

Michaux trennt Buchstaben und Zeichen. Henri Michaux, geboren 1899 in Namur (Belgien). Kindheit in Bruxelles, abgebrochenes Medizinstudium, Gelegenheitsarbeiter, sein erstes wichtiges Buch Qui je fus (Wer ich war).

Wieso der Vergleich Ben Vautier und Michaux, die offensichtlich auseinander driften?
Verglichen mit Michaux ist Ben ein völlig anders inspirierter Dichter. Wo er vom Ende schreibt, nimmt er es wörtlich. Fin. Ende. Basta. Das Gelungene dran: das Ganze, das oeuvre wird Poesie. Nicht unbedingt die einzelnen Sätze, nicht allein die Bildkomponenten, sondern beides zusammen. Er spielt den Clown und ist keiner. Er spielt den Tänzelnden, den lockeren, und wenn man genau hinschaut: den Überlegten, die Schritte genau Abmessenden, und dann spielt er wieder den Rotzigen, den Anarcho. Er spielt sich, spielt mit sich, mit uns mit den Gegenständen. Schmeiss alles raus, gib allem einen Platz. Die Ich-bin-der-King-Geste ist dann schon wieder der Clown.
Soll er Ich sein? Sein gutes recht, damit zu spielen.
Und wo steht er? wo schöpft er? Natürlich überall. Was immer Pop-Art ist oder sich als solche bezeichnet: Ben hat, in der europäischen Variante, darin einen Platz. Er kann lärmen, ist knallig und provoziert, und er will das alles. Man verfällt beim Kommentieren leicht in Wiederholungen. Die Kopfwerke sind plakativ und wollen es sein, und sie rühren, bewegen. Wenn zum Beispiel unter einem vergilbten Foto der Satz steht: Everything is different, alles ist verschieden. Ein scheinbar einfacher, simpler Satz und doch nah an Ludwig Wittgensteins: DAS ICH IST KEIN GEGENSTAND. Das Einfache ist nicht immer das Wahre. Wie treffend es sein kann, läßt sich bei Ben sehen, aber auch wie schwierig das Einfache ist. Plötzlich trägt ein Bild nicht, sackt ab, und das nächste trägt ihn wieder nach oben. Das Absacken gehört ohnehin dazu; wie käme es sonst zum Höhenflug.
Man kann das auf dem Bild Un demi mur d'idée prima ablesen. Vieles packt, einiges nicht. Jeder liest in die Bildchen sein Bild.
Ich könnte jetzt sagen: Regardez! Les paroles sont inutiles.
Ben Vautier versucht mit paroles, Sätzen und Wörtern Augenfänger herzustellen. Er wäre gern immerfort ein Dichter, und wenn Sie ihn im Land des noch nicht Festgelegten suchen, bei seinen Wünschen, können Sie sich freuen. Sie befinden sich wieder dort, wo sie als Zehnjähriger einem Freund, dem sie eben lebenslange Freundschaft geschworen, ihre heißgeliebte Federschachtel geschenkt haben mit einem selbstgemalten roten Herzen und in Schwarz daneben ungelenkig das DU, oder HEINRICH, und in der Schachtel die Feder, mit der man sich die ewige Freundschaft eintätowiert hat. Nur ein Stich. Er ist noch immer in meinem linken Handgelenk sichtbar. Ein zarter Strich unter der Haut.

"Und immer tiefer in der Zisterne des Körpers forschen", schreibt Henri Michaux. Da würde, vermute ich, Ben laut auflachen. Es wäre ihm zu gewichtig. Als Gucker sind Sie bei ihm Mitspieler, Veräppelter und Veräppler, Mitdenker und Komplize, und herzlich willkommen. Genießen Sie das abgründig Schwebende. Es ist so einfach wie ist. Und wiederum nicht. Es ist verzaubernd und schwierig. Exercice pour n'importe quoi. Seien Sie auf der Hut. Eine Übung für nichts ist bei Poeten immer auch eine Übung um alles. STOP! NICHT ANHALTEN. Das könnte ein Satz von Ben sein, ist es aber nicht. DIE KUNST IST ÜBERFLÜSSIG. GEHEN SIE NACH HAUSE. Das ist ein Satz von Ben.

Was ich bisher gesagt habe, mag unbefriedigt lassen. Ben Vautier würde das freuen. Wer zufrieden ist, wer eindeutige Erklärungen hat, ist aus dem Spiel, ist draußen, nicht nur beim Spiel. Ben verschenkt Bilder, Botschaften, Sprüche. Seine Botschaften zeigen: er weiß zu viel, um ein Nurträumer zu sein, er ist zu fordernd, zu liebend, zu verletzt, er läßt sich fallen, aber guckt sich beim Fallen zu, er hüpft und hüpft und weiß, daß und wie er hüpft. Ich komme nochmals aufs Votivbild zurück. Was Ben auch immer anrührt, versucht zu beschwören, zu bannen, der Teufel wird herbeizitiert, um ihn zu paralisieren oder in seine Haut zu schlüpfen.

Bei Henri Michaux ist das anders. Er holt den Leser und Betrachter in seine Worte oder in seine Bilder hinein. Es gibt kein Wo. Es gibt kein Wer. Die Hand sieht, das Auge hört. Irgend etwas scheint zu zeichnen, irgend etwas zu schreiben. Man ist da, wo man nicht sein kann, ohne zu verschwinden.

Ich gehe jetzt aus dem Text mit einem Zitat von Ben Vautier und einem von Henri Michaux.

J'AIME PAS JETER LES COULEURS, schreibt Ben Vautier, klar doppelbödig. Und das Zitat von Henri Michaux (ich nehme es auch als Resumée, weil es die beiden Unterschiedlichen einander sehr nahe setzt und auch die Differenz zeigt).

Direkte Schrift schließlich für das Leermachen
für die Entlastung der Formen
für die Ausräumung des Bildschutts
mit dem der öffentliche Hirn-Platz
in diesen Zeiten besonders verstopft ist.

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©  Urs Jaeggi  /  Website:  Universes in Universe  &  María Linares