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Urs Jaeggi
Kassel

unangemeldetes Projekt an der Documenta 2007
Realisiert am 20.7-21.7 2007


Etwas geben

Ohne kalkulierte Erwartung. Schenken als uralte Form der Annäherung und des gegenseitigen Respektierens. Wie "Kunst machen", hat "Schenken" mit Überfluss zu tun, mit übertreiben. Jemanden eine Freude machen, überraschen.

Donner quelque chose à quelqu'un,

sans réserves et sans calculs. Le cadeau est une forme très ancienne de s'approcher et de prendre contact avec les autres. Faire de l'art et faire un cadeau ont en commun l'excès. Faire un plaisir inattendu à quelqu'un, le surprendre.

To give something to somebody,

without a second thought. To give is a very old way of approaching and Getting in touch with other people. What art making and giving away have in common is excess. It is the offering of an unexpected pleasure, a surprise.

Dar algo a alguien,

sin esperar algo a cambio. El regalo es una forma muy antigua de acercarse y de comunicarse con los otros. Hacer una obra de arte y hacer un regalo tienen en común cierto exceso: ofrecer un placer inesperado a alguien, sorprenderlo.





l. Das Projekt

Was sucht eine nicht autorisierte Aktion wie Kunst umsonst im Rahmen einer Documenta 07? Für die Beteiligten: die Lust an unerwarteten Reaktionen, die Lust an Überraschungen, am Spiel. Die Neugier darauf, wie die Besucher auf Geschenktes reagieren und die Neugier, wie ein nicht angemeldetes Ding aufgenommen wird. Schenken. Adorno ging davon aus, dass die Menschen das Schenken verlernen. Er meinte damit, dass im vom Markt bestimmten Tauschverkehr das Schenken scih vom ritualisierten Akt entfernt und zum "normalen" Waren- austausch gerät. Man kann es aber auch umgekehrt sehen: wegen der Allgegenwärtigkeit des Marktes entwickeln sich, lokal und informell, marektferne Lebensformen, zu denen auch das Schenken gehört, wieder intensiver. Was nicht geht: etwas gegen nichts tauschen. Worum also geht es? Schenken, um andern eine unerwartete, nicht kalkulierbare Freude zu machen.

2. Die Aktion

Der Aufbau der Installation am 20.07.07 verlief ruhig, mit interessierten Besuchern, die vorbei kamen, Fragen stellten und zurück kommen wollten und auch zurück kamen. Die beschrifteten Bildrahmenfragmente wurden, für mich eher überraschend, aufmerksam gelesen . Die gesamte die Installation schien akzeptiert Auch darauf, dass die Fragmente mitgenommen werden konnten, wurde nicht zögerlich oder besonders erstaunt reagiert. Einige nahmen, wie vorgesehen, ein Teilstück der Installation mit. Es gab Fragen: - Ist die Installation nicht zu fragil, zu leicht zerstörbar? - Seltsam, dass so etwas verschenket wird, aber ich finde es richtig. Oder Antworten wie: - Mir gefallen die Sätze, auch als Bild. - Das Ganze gefällt mir, darf ich trotzdem ein Teil mitnehmen? Eine prima Idee, eine Überraschung. Der erste Tag verlief gut, die Betrachter machten mit. Als wir nach Mitternacht nochmals auf den Platz kamen, leuchtete die Installation sehr hell und klar vor dem Hintergrund des Parks. Aus den umliegenden Zeltlokalen tönten Musikfetzen und Stimmen. Freitagnachtambiente. Am nächsten Morgen war alles weg. Ich war wütend. Die Mauer leer. Die Aktion war vorzeitig abgestürzt, allerdings sanft gelandet: Im Nichts. Auf der Mauer eine leere Flasche Champagner, der Korken lag daneben. Verschenkt , umsonst? Wie vieles von dem, was wir tun: Aus Abgelaufen. Ausgelöscht. Ich wusste:: man ändert nicht viel, wenn Bilder verschenkt werden, und doch etwas. In der kurzen Zeit gab es von Besuchern Fragen: :-Warum die verrückten Marktpreise? - Nicht verrückt: Angebot und Nachfrage. Und Abstürze. Ja, normal. Und wem trauen? Dem eigenen Auge. Über den Markt wird meist nur am Rande diskutiert. Die jungen hochgehandelten Künstler tun es am lockersten. Sie staunen.

3. Es gibt

Gescheitert oder nicht gescheitert? Von Vandalen zerstört oder von Offiziellen, die während der Documenta über den Raum verfügen entfernt? Oder von der Stadtreinigung, die es nach Auskunft der Polizei nicht war, abgeräumt? Von Privaten fein säuberlich abtransportiert? Warum? Während ich meine Gedanken festzuhalten versuche, läuten ganz nah die Glocken einerkatholischen Kirche, wie in meiner Jugend in der Schweizer Kleinstadt, in einem ähnlichen Vorstadtquartier, dort umgeben von zwei Frauenklöstern und einem Kapuzinerkloster. Als Kind eines atheistischen Vaters mit erzkatholischen Geschwistern undeiener protestantischen Mutter, war ich, ohne es damals verstehen zu können, mitten in einem kulturellen Mischmasch Den mag ich noch immer. Auch das undogmatische, unvoreingenommene, das notwendig war. Ich weiss, unangemeldete Aktionen (es ist nicht meine erste) haben etwas Unreifes, und das Gegenteil. Die Gefängnismauern der Institutionen sprengen. Macht brechen, es probieren. Versuchen, den Markt zu unterlaufen, andere Möglichkeiten zeigen. In den so genannt' reichen und reicheren Ländern unterläuft die Schwarzarbeit (die illegale Arbeit), den Markt auf ambivalente Weise: auf der Marktseite gibt es von der Schwarzarbeit Profitierende und Geschädigte; der Dienstleistungs- und der Agrarsektor kommen ohne nicht aus. In der Kunst ist der Anteil des Prekariats, der Ungesicherten, Verletzbaren höher als die offiziell benannten Zahlen, und die sind sehr hoch. Existieren um oder unterhalb des Existenzminimums gehört zum Risiko der meisten Kunstschaffenden. Unterschätzt wird dabei weniger die Zahl der Betroffenen, als der kulturelle Wert, der quasi gratis geschaffen wird. Mühsam und langsam erobern sich kleine Gruppen oder einzelne öffentliche Räume, vor allem aber: sie produzieren (in der Regel) nicht für einen offiziellen Markt; die meisten "freien"Theater-, Musik- und Künstlergruppen machen ihre Performances in einem lokalen Rahmen, selten Kostendeckend. In diesen Freiräumen entstanden und entstehen, nicht nur in der Musikszene, tastende, schrille, kreative Arbeiten, öffentlich unterstützt meist erst im Falle eines zu erwartenden Erfolges. Unverständlich, dass l nicht gesehen wird, wie wichtig diese Initiativen auch für die so genannte, längst nicht mehr existierende "Hochkultur" sind. Die "andere" Kunst, der andere Markt, die andere Gesellschaft nicht als utopisches Wunschgebilde, sondern als konkret werkelnde Widersacher, Zerstörer und Erneuerer. Getrennt durch den Markt: nicht zufällig, aber auch nicht unabänderlich. Und wie sieht das Revoltieren aus? Man merkt es beim Probieren. Das Schenken ernster nehmen, als es heute geschieht.
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©  Urs Jaeggi  /  Website:  Universes in Universe  &  María Linares