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Urs Jaeggi
Ausstellung "Bilder" in der Galerie Rössli, Balsthal, 28. November 2004



Etwas über Urs Jaeggi zu sagen ist bei einem so polyvalenten Menschen wie ihm schwierig, weil man nicht weiss, wo anfangen. Ich habe Jaeggi vor vielen Jahren auf einer Jahresversammlung des Schweizerischen Schriftsteller- und Schriftstellerinnenverbandes in Chur getroffen. Jaeggi ist Schriftsteller, er war Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin, und jetzt haben wir es also mit dem Künstler zu tun.
Dass er über das Wort zum Bild gekommen ist, veranlasst mich, ebenfalls davon auszugehen und die Frage zu stellen, ob das, was wir hier sehen, etwas mitSprache zu tun haben könnte. Die Zeichen an der Wand lassen sofort an Buchstaben denken, an ein fremdes Alphabet, an Hieroglyphen.
In der Sprache sind es Buchstaben, die Wörter, Wörter, die Sätze, und Sätze, die einen Sinn- und Aussage-Kontext ergeben, einen zusammenhängenden Text. Wer das literarische Werk von Jaeggi, besonders aus der letzten Zeit, kennt, weiss allerdings, dass die Bedeutung der Wörtern nicht unbedingt das Wichtigste für ihn ist, sondern dass die Wörter eigene Entitäten sind, die für sich selber sprechen.

Hier frage ich mich nun, in wieweit die Formen und deren Präsentatiom in dieser Ausstellung nicht ein vergleichbares Ziel verfolgen. In dem Raum links von mir sehen Sie eine Anzahl Formelemente an der Wand. Es sind Leinwandstücke, dick rot angemalt, die Jaeggi ausgeschnitten hat, offenbar mit einer groben Schere, man sieht noch die Fäden der Leinwand, und die er an der Wand angebracht hat.
Es ist nicht klar, ob die roten Teilstücke einen weissen Raum einkreisen oder die weisse Fläche in der Mitte die roten Teile auseinander sprengt.
Die einzelnen Teile können - könnten - für sich stehen und gesehen werden, aber bei längerem Verweilen wird man feststellen, dass sie erst im Zusammenhang, in der Anordnung etwas Ganzes ergeben, eine Summe, ein neues Bild. "Bilder" heisst der lapidare Titel dieser Ausstellung.
Bei den plastischen Werken ist es nicht anders. Die weiss angemalten Objekte im Keller sind Mauerreste. Jaeggi hat sie gesammelt und nach Balsthal gebracht. Ein einziges Element für sich allein wäre nicht der Rede wert, eine Ansammlung von sechs, acht Elementen ergibt ein Ganzes und strukturiert den Raum. Diese Ausstellung ist kein Ort, an dem Bilder gezeigt werden - oder nicht nur -, sie ist vielmehr selbst eine (eine Ausstellung). Sie ist eingerichtet, sie ist ein Ensemble, das Urs Jaeggi hergestellt hat, ein Ganzes, das über die Teile - die ausgestellten Werke - hinaus geht, aus denen es besteht.

Die plastischen Formstücke erwecken den Eindruck von gezoomten Formen, Materialeinheiten, die aus einem grösseren Ganzen herausgelöst sind, in diesem Fall wie gesagt aus einer Mauer.
Auch bei den vielen Leinwänden rechts von mir an der Wand mit den merkwürdigen Zeichen weiss ich zunächst nicht, was sie bedeuten. Auch bei ihnen habe ich den Eindruck, dass sie nur Ausschnitte sind, herausgezoomt aus einem grösseren Gebilde. Und tatsächlich: In der Anordnung auf der Wand ergeben sie mit einem Mal ein Ganzes. Ich kann das einzelne Zeichen sehen, aber wenn ich alle Zeichen zusammen als Ganzes sehe, habe ich mehr davon. Dann ensteht erst das grössere Bild als übergeordnete Einheit.
Sowohl bei diesen Bildern wie bei den Mauer-Objekten im Keller weiss ich, dass Urs Jaeggi lange überlegt hat, wie er sie gruppieren will. Es ist keine serielle Anrodnung im strengen Sinn, sondern eine willkürliche, die eine Anordnung herstellt, die für Jaeggi stimmt. Was sie bedeuten könnte, ist nicht so einfach zu sagen. Am ehesten müssen sie als individuelle Formelemente einer Sprache gesehen werden. Ich habe die Vermutung, dass Urs Jaeggi, wenn er nichtschreibt, die bildhafte Seite der Sprache vorführen will. Sprache kann eben vieles sein. Sie ist etwas, um etwas Anderes herzustellen.

Nun können Sie einwenden: Diese Formstücke machen keine Aussage, Wörter jedoch machen garantiert eine. Aber auch Wörter sind nie so genau definiert, wie man das gewöhnlich meint. Wenn ich "Messer" sage, weiss ich zunächst nicht, ob ein Messer in einem Film von Luis Bunuel gemeint ist oder ein Besteck auf einem festlich gedeckten Tisch. Die offene Bedeutung der Wörter muss gerade bei einem Schriftsteller wie Urs Jaeggi besonders gelten, der in seinen Texten so sehr auf die multiple Bedeutung der Worte Wert gelegt hat. Bei der Kunst ist es nicht anders.

Was bleibt also von alledem zu halten? Literatur und Kunst sind übergeordnete Gefüge, Konstrukte, vielleicht Werke, die aus Elementen bestehen, aus denen sie zusammengesetzt sind. Soweit es Kunstwerke sind, sind sie dazu da, um gesehen zu werden. Was Sie damit anfangen, was sie darunter verstehen oder darin sehen wollen, bleibt Ihnen überlassen. Aber das Sehen ist ein entscheidender Punkt.
Dass der Betrachter selbst ein Teil des Werks ist, das er durch seine Anwesenheit, seinen Zugang, seine Beteiligung, seine Auseinandersetzung vollenden muss, ist keine Ausrede, weil mir nichts Besseres einfällt, mir fällt viel zu viel ein, sondern es ist heute ein integraler Bestandteil dessen, was mit dem Ausdruck "Kunst" beschrieben wird. Es verhält sich wie in der Quantenphysik, wo der Beobachter stets ein Teil der Versuchsanordnung ist.

Aber lassen wir die Quantenphysik beiseite. Hier geht es um Urs Jaeggi. Mein Rat an Sie ist wäre: Machen Sie mit der Ausstellung etwas, fangen Sie etwas damit an. Das ist das Beste. Ich wünsche Ihnen viele Erfahrungen und Erkenntnisse dabei.

© Aurel Schmidt
www.aurelschmidt.ch
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©  Urs Jaeggi  /  Website:  Universes in Universe  &  María Linares