documenta X - home 21. Juni - 28. September 1997
Tunga: Interview
Vom Wert intuitiver Wahrnehmung
Vor einigen Jahren habe ich begriffen, daß über Probleme und tiefgreifende Themen auch Leute angesprochen werden können, die keine ästhetische Kultur haben, und zwar - obschon auf verschiedener Ebene - ebenso wie Leute mit einer enormen kulturellen Bildung. Ich nenne ein Beispiel: In einer Ausstellung zeigte ich in einer Endlosschleife die Aufnahme eines Tunnels, begleitet von Frank Sinatras »Night and Day«. Ein Besucher blieb stundenlang wie hypnotisiert davor stehen. Als ich mich näherte und fragte, was mit ihm los sei, erzählte er mir, daß er vor kurzem operiert worden war und tatsächlich seinen klinischen Tod erlebt hätte, an den er sich genau so erinnert, wie dieser unendliche Tunnel ist. Das Werk hätte ihm die Erinnerung an diesen Moment wiedergebracht, wofür er sehr dankbar sei. Ich unterhielt mich weiter mit ihm, und obwohl er ein sehr einfacher Mensch war, hatte er eine spontane, intuitive Kenntnis von den Themen, um die es in meiner Arbeit ging: die Idee der Kontinuität, Zirkulation, Zeitlosigkeit. Eine Ausstellung wie die documenta müßte respektvoller auch mit den Leuten umgehen, die keine Spezialisten, keine Initiierten sind. Ich bin überzeugt, daß eine Dichte auch durch Kommunikation erreicht werden kann. Tunga: Performance
Tunga: Performance
Sensualität und Rationalität
Ich glaube, es existiert hier in Europa ein großer Irrtum hinsichtlich der Trennung von Soma und Psyche, der aus einem Übergewicht der Vernunft resultiert. Das betrifft auch die Sicht auf die Kunst der Region, die Brasilien genannt wird. Doch dort wird der Raum nur in einer anderen Art aktiviert. Man sieht das zum Beispiel bei Oiticica, Lygia Clark, Soto, Sérgio de Camargo und so vielen anderen. Ich finde, man spürt bei der damit verbundenen Erfahrung des Körpers, daß die Zuneigung, die Gefühle, die Körperlichkeit, auch Arten des Denkens sind. Wenn sich das dann in ein effektives Denkprogramm eingliedert, entsteht eine Vernunft, die nicht nur strikte Abstraktion ist. Eigentlich gehört zu jeder physikalischen Theorie eine Anekdote, die der Ausgangspunkt für die Entwicklung dieser Theorie ist, so wie Newtons Apfel. Es ist eine Wahrnehmung unserer Ratio, die der Sensualität entspringt und jene Theorie vorwegnimmt, die dann mit einer konstruierten - und nicht mit einer natürlichen - Sprache aufgebaut werden muß. Aber aus der Sensualität der natürlichen Sprache kann ein Kunstwerk geschaffen werden, das eine Verbindung mit der Vernunft eingeht. Und wenn ich Rothko sehe oder Billie Holiday höre, weiß ich, daß ich recht habe. Tunga: Performance
Beziehung zur »Cabeza colectiva« von Lygia Clark?
Im Katalog erscheint auch ein Foto von einer Gruppe Männer in Afrika, die das Dach einer Hütte tragen. Die Struktur ist meiner Idee sehr ähnlich, und auch den erwähnten Karyatiden, die den Tempel wie einen großen kollektiven Hut tragen. Diese Idee des Hutes beinhaltet ein Paradox, denn ein Hut ist etwas ganz individuelles, und dieses Individuelle in etwas Kollektives umzuwandeln, ist eine Herausforderung. Von daher ist eine Verbindung zu Lygias Werk höchstens im Sinne eines Archetyps, nicht aber in dem eines kulturellen Vererbens von einem Künstler zu einem anderen vorhanden.

Ich halte selbst die Suche nach einer Genealogie in der brasilianischen Kunst für einen Irrtum, genauso wie es ein Irrtum ist, von lateinamerikanischer Kunst zu sprechen. Schon der Begriff »internationale Kunst« ist verfänglich, weil »inter-national« automatisch die Idee von Nationen voraussetzt und impliziert. Und wie wir wissen, hat dieser Begriff auf der Welt viele Diktaturen hervorgerufen. Es ist notwendig, eine allgemeine Kritik zu üben und zu beginnen, in anderen Perspektiven zu denken.

Ich komme zum Beispiel aus einem Gebiet namens Brasilien, mit Einflüssen indianischer portugiesischer, afrikanischer Kultur und dazu noch mit meiner Erfahrung dessen, was Spanisch-Amerika genannt wird, weil ich in meiner Jugend in Chile gelebt habe. Es gibt nicht nur ein Lateinamerika, es sind viele, genauso wie Brasilien nicht eine homogene Einheit ist, sondern unzähligen. Wenn ich aber in den USA oder in Europa ausstelle, hauptsächlich in Europa, sagen die meisten, daß die Mehrheit der Werke aus Lateinamerika Phantasien auf der Suche nach einer Identität sind. Es wird nicht zur Kenntnis genommen, daß ich keine solche Identität brauche, daß diese Menschen keine Identität suchen. Identität ist ein Problem Europas.   weiter >>
Tunga: Performance
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Tunga / Interview - 2 Interview - 4

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