documenta X - home 21. Juni - 28. September 1997
Tunga: Interview
Die Hüte als Tempel
Der Hut ist für mich wie ein Tempel, ein heiliger Ort, wie zum Beispiel Delphi mit seinem Orakel und seinen Wahrsagerinnen. In Venedig parodierte ich auch einen bestimmten Kontext, denn die Arbeit gehörte zur Ausstellung »An Avantgarde Walk in Venice«. Für Kassel habe ich ein drittes Element eingebaut, einen weiteren Hut aus Filz. Beide Hüte, beide Tempel, sind verschieden in Material, Charakter und in der Konstruktion. Der aus Stroh ist wie eine Spirale und vermittelt Leichtigkeit, etwas Temporäres, eine Unendlichkeit. Im Gegensatz dazu ist der aus Filz ein kompakter Druck, ein unbeweglicher Zeitblock. Der Filztempel wird von Körperteilen, die von der Decke hängen, im Grunde »getragen«, denn der Hut selbst hängt umgekehrt. Es entsteht eine Verbindung zwischen diesem Hut, den Männern und dem Inhalt der Koffer, der vor den Mädchen, vor dem »schreitenden Tempel« plötzlich ausgekippt, das heißt, »ejakuliert« wird. Tunga: Performance
Tunga: Performance
Das Werk als Orakel
Ich sehe dieses Werk als eine Art Orakel. Es ist für mich die Wiedereinführung der Weissagung, des Göttlichen in die Kunst. Damit haben auch die Haltekreuze für Marionetten, von denen die Hüte hängen, und der Vorgang zu tun, den einen Tempel sozusagen von der haltenden »Hand Gottes« zu befreien. Jedesmal wenn ein Zuschauer etwas wahrnimmt, wird dieses Etwas Teil seines Schicksals, ob er es will oder nicht. Die Tragweite dieser Einverleibung hängt von der Disposition deines Schicksals selbst oder deinem Willens ab, das Wahrgenommene zu begreifen. In diese Richtung geht die Idee der Wiederaufnahme von Schicksal und Weissagung in die Kunst. Das ist eines der wichtigsten Elemente meines Werkes. Tunga: Performance
Inside out, upside down
Es gibt zwei weitere Elemente, die ich noch nicht erwähnt habe und die anscheinend nicht so sehr aufgefallen sind. Zur Performance wurde Musik gespielt, ein Teil aus einem klassischen Chanson von Charles Aznavour, das endlos wiederholte »Que c'est triste Venise...«. Das ist eine explizite Referenz an Venedig, man darf ja nicht vergessen, daß die Biennale kurz vor der documenta eröffnet wurde. Wenn aber schon Venedig trist sein soll, stelle man sich nur einmal Kassel vor! Die andere Musik steht in Verbindung mit dem Filzhut. Sie ist von einem populären brasilianischen Sänger, der einen Text von Hermes Trimegisto singt, eigentlich nur eine chemische Formel, was im Sambarhythmus sehr komisch wirkt. Dabei wird nur endlos wiederholt: »Das was unten ist, ist gleich dem, was oben ist, das gleich dem ist, was unten ist, das gleich dem ist, was oben ist ... « Die Kombination dieser beiden Musikelemente ergibt den Titel meiner Arbeit: »Inside out, upside down«.

Das wird aber kaum erwähnt. Es scheint ein Stillschweigen gegenüber allem zu geben, was anekdotisch sein könnte. Das finde ich sehr merkwürdig aber auch interessant, denn eigentlich ziehe ich es vor, daß mein Werk in seiner orchestralen Form gelesen wird, als eine Symphonie komplexer Informationen, die von einer einzigen Referenz nicht aufgelöst werden kann.   weiter >>
Tunga: Performance
Tunga: Performance
Tunga / Interview - 1 Interview - 3

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