documenta X - home 21. Juni - 28. September 1997
Okwui Enwezor
Künstlerischer Leiter der 2. Biennale Johannesburg.
Referent bei »100 Tage - 100 Gäste«.
... Das ist eine schwierige Frage. Die jetzige documenta ist eine harte Ausstellung, schwer zu lieben (it is a though show to love). Aber sie ist sehr ernst gemeint, und ich denke, sie macht keine Konzessionen an die Erwartungen des Publikums hinsichtlich von Objekten und an die Mechanismen oder Erwartungen des Marktes.

Wir in Johannesburg haben aber andere Prioritäten. Und obwohl Catherine David sich bemüht hat, die inzestuöse Beziehung zwischen dem Markt, Händlern und Institutionen usw., aufzubrechen, bleibt ihre documenta eine erstaunlich »westliche« Institution, dabei meine ich »westlich« nicht in einem abschätzigen Sinn. Das bedeutet nur eine ganz andere Art von räumlicher Praxis, die in dieser Gegend existiert.

Ich denke, für mich selbst wäre es unglaublich naiv, für zwei Wochen nach China zu reisen und dann zurückzukommen und zu verkünden, das einzige, was die Leute dort in der Kunst richtig machen, ist Poesie.

Deshalb haben wir für die Johannesburg Biennale einige Denker und Kuratoren eingeladen, die die Fähigkeit haben, kulturelle Fragen, die uns aus einem anderen politischen, kulturellen und ökonomischen Kontext nicht so offensichtlich erscheinen mögen, auf einer sehr hohen Ebene zu stellen.

Ich wollte sehen, wie diese Kuratoren und Mitarbeiter, die ich äußerst respektiere, mich in meiner eigenen Position herausfordern konnten. Das ist die Art wie wir dies zu handhaben versuchen. Wir haben uns gesagt: Paßt auf, Zusammenarbeit ist eine gute Sache. Es ist die beste Art, zu lernen oder Brücken zu anderen Wissensformen zu schlagen, die nicht Teil unserer eigenen Traditionen sind.

Trotzdem ich finde ich Catherine Davids Prioritäten sehr aufrichtig, und sie hat eine wunderbare Ausstellung gemacht. Wenn man vorherige Editionen der documenta oder deren Kataloge sieht, scheint diese hier ein bißchen anders zu sein. Man muß halt warten, was daraus noch wird.

Meine größte Annerkennung gilt der Zusammenstellung von »100 Tage -100 Gäste«, denn damit wird gesagt, daß Kunstausstellungen neben kritischen Denkmodellen existieren können, ohne daß die letzteren nur eine Nebenerscheinung sind.

Catherine David macht uns auch verschiedene Vorschläge zur Annäherung an die documenta: wenn du die Ausstellung nicht magst, dann kannst du dir die Vorträge anhören, wenn sie dir nicht gefallen, dann kannst du dir das Buch vornehmen, die »Bibel«, wenn die Bibel nichts für dich ist, dann kannst du ja noch im Internet surfen...

Dadurch ermöglicht sie den verschiedenen Leuten, in ihren Diskurs einzutreten. Wir in Johannesburg möchten, daß die Leute nicht nur in den Diskurs einbezogen werden, sondern daß sie ihn erweitern...

Aus einem Interview für Universes in Universe am 5. Juli 1997.
Okwui Enwezor
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