documenta X - home 21. Juni - 28. September 1997
Catherine David zu »nicht-westlicher« Kunst und documenta X
Lateinamerika ist nicht totale, abgelegenste Dritte Welt, sondern ist der äußerste Westen. ... Man kann sich informieren und wird sehen, daß es, wie anderswo, in Lateinamerika interessante und wichtige Künstler gibt. Das ist eine Frage der Aufmerksamkeit, Intelligenz und Neugier.

Gespräch mit Maribel Königer, Kunstforum 128/1994

Ich glaube eher, daß man sich mit den Problemen an unserer Peripherie auseinandersetzen muß, mit den Dingen, die niemand sehen will. ... Es gibt ja das, was wir die Modernität nennen. Alles, was mit der Entkolonialisierung zu tun hat, fand innerhalb dieser Modernität statt.

Gespräch mit Karen Rudolph, nbk 3/1994

Es ist an der Zeit zu begreifen, daß es nichts außer Modernität gibt, also keine einfachen Gegensätze zwischen Zentrum und Peripherie, Moderne und Prämoderne. ... wir sollten bedenken, daß es in dem Haus der Modernität viele Räume gibt, und daß Modernität eine Ansammlung vieler verschiedener Prozesse kultureller Konstruktion ist.

Aus C. David: Undurchsichtige Räume, nbk 4/5 1995

In den Anfängen, sagt Catherine David, sei die documenta ein Ort der Versöhnung mit der Moderne gewesen. Dieser Aufgabe sei die documenta inzwischen entbunden. Denn jenseits der Moderne sei nichts mehr und das ästhetische Schaffen längst den globalisierenden Trends verfallen. An Folklore, am Exotismus, sagt Catherine David, habe sie kein Interesse. Sie interessiere sich aber für die Modernität der Randgebiete. Für die Kultur der Kulturverschmelzung - vorzugsweise in den Vororten der großen Metropolen. Ja, und wenn sich erweise, daß die Kultur der Randgebiete keine Bilderkultur sei, sondern, wer weiß, eine Filmkultur, dann habe die documenta entsprechend zu reagieren.

Hans-Joachim Müller zur 1. Pressekonferenz von C. David, in: Die Zeit, Nr. 42, 13. Oktober 1995, S. 73

Catherine David spricht vier Sprachen (Deutsch ist leider nicht dabei), sie kennt sich aus in der Welt, speziell in der südamerikanischen und afrikanischen Kultur. Sie hält allerdings nichts davon, aus irgendeinem multikulturellen Gerechtigkeitssinn Kunstwerke aus allen Kontinenten in Kassel zu zeigen. Da stimmt der geistesgeschichtliche Kontext nicht mehr und der Wettbewerb, der jede Ausstellung westlicher Kunst auch ist, würde zur kolonialistischen Farce.

Petra Kipphoff über C. David, in: Die Zeit, Nr. 29, 12. Juli 1996, S. 41

Die Radikalisierung und immer schnellere Verbreitung der westlichen Modernität, jenseits der Muster des bürgerlichen und revolutionären Internationalismus (Globalisierung, transnationale Finanzmärkte), tragen dazu bei, daß die herkömmliche Opposition zwischen Modernität und den zu ihr gedachten Gegensätzen (lokal/ global, Zentrum/Peripherie etc.) nicht mehr funktioniert.

C. David: Ici et ailleurs - Hier und anderswo, Filmfestival zum Steirischen Herbst 1996

Es ist in der Kunstwelt Mode geworden, Künstler aus Afrika und Asien einzuladen. Das ist zumeist eine Alibi-Geste, im besten Fall Konformismus, bisweilen auch einfach Kolonialismus. Für solchen Exotismus bin ich nicht zu haben.

Gespräch mit ART, Nr. 4/97

Das Programm »hundert Tage - hundert Gäste« spielt für Catherine David eine zentrale Rolle, vor allem um Kulturen ferner Länder einzubeziehen. Über die Gäste versucht sie offenbar zu vermitteln, daß z.B. in Afrika und Asien in ihren Augen nicht unbedingt die bildende Kunst die interessanteste Rolle spielt. Sie möchte vermeiden, daß durch ein Vorzeigen von - nach westlichen Maßstäben - »mittelmäßiger« Kunst ein Wunsch nach Folklore befriedigt oder Quoten erfüllt würden.

Kunstforum, Bd. 137, Juni-August 1997, S. 435

Ein gleichfalls zu beobachtendes ... Phänomen ist die Tatsache, daß es »zeitgenössische Kunst« in den nicht westlichen Kulturen zumeist erst seit kurzer Zeit gibt und sie lediglich eine Begleiterscheinung ist - im günstigsten Fall eine Begleiterscheinung der beschleunigten Akkulturation und des kulturellen Synkretismus in den Großstädten und Riesenmetropolen, im schlimmsten Fall eine des Zwangs zur Marktbelebung und zur Umsatzsteigerung im Westen. Zur Zeit bedient sich die nicht-westliche zeitgenössische Kunst, will sie relevant, aussagekräftig und radikal sein, vornehmlich der Musik, der gesprochenen und geschriebenen Sprache (Literatur und Theater), des Films - alles Formen, die Emanzipationsstrategien entsprechen. Die Gründe dafür sind vielschichtig, unterbrochene oder brutal ausgelöschte Traditionen spielen hier ebenso eine Rolle wie die aus der Geschichte der Kolonisierung und Dekolonisierung resultierende Vielfalt kultureller Formationen oder der indirekte und ungleiche Zugang, der den einzelnen Völkern während dieser Zeit zur westlichen Modernität gewährt wurde.

Vorwort von Catherine David im dX-Kurzführer
Catherine David ist mit einem hohem kulturellen, politischen und - darauf weist sie ausdrücklich hin - ethischen Anspruch angetreten. Aus einem Pressetext (Anfang 1997):

»Im Mittelpunkt der Arbeit für die dX steht die umfassende Bestandsaufnahme und Interpretation der heutigen Kultur. In der Reflexion über die Möglichkeiten und Notwendigkeiten der documenta X entwickelte sich die Erkenntnis, daß es heute um eine Untersuchung der ästhetischen Produktion im Zusammenhang ihres im weitesten Sinne politischen Umfeldes gehen muß, was eine weitreichende Erkundung kultureller Praktiken bedeutet. In diesem Sinne stellt sich nicht mehr nur die Aufgabe, eine Ausstellung als reine Inszenierung von Kunstwerken aufzubauen, vielmehr definiert Catherine David die dX als manifestation culturelle. Deren herausragende Eigenschaft ist es, den Zugang zum Erkennen des Zustands der Welt auf unterschiedliche Art und Weise zu ermöglichen.«

Siehe auch:
Vorwort im dX-Kurzführer
(als Pressetext verteilt).
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