documenta X - home 21. Juni - 28. September 1997
Catherine David im Gespräch mit Karen Rudolph
Kurzer Auszug, neue bildende kunst, Heft 3 / 1994, S. 66-67
Rudolph:   Sie sind bekannt dafür, daß Sie Reisen in die entferntesten Ecken der Welt dem mondänen Leben in Paris vorziehen. Ihre Arbeit im Jeu de Paume hat bewiesen, daß Sie sich intensiv mit »fremden Kulturkreisen« auseinandersetzen. Werden Sie auf diese Thematik in Ihrer documenta eingehen?

David:   Zwei Phänomene kann man zur Zeit in der Welt beobachten: einerseits Agitation und Unruhe an der Oberfläche aufgrund fundamentaler politischer und ökonomischer Veränderungen, andererseits ein wachsendes Bewußtsein für den unmittelbaren Raum um uns. Ich brauchte nicht das Jahr 1994 abwarten, um mich für arabische Kultur zu interessieren. Wer so argumentiert, offenbart einzig sein Pseudo-Interesse.

Ich glaube eher, daß man sich mit den Problemen an unserer Peripherie auseinandersetzen muß, mit den Dingen, die niemand sehen will. Daraus ergibt sich die generelle Frage zur Auseinandersetzung: Was ist, was könnte die ästhetische Kreation heutzutage sein? Wie könnte innerhalb eines Werkes das Verhältnis zwischen dem Intimen und dem Mystischen sein, was eine zentrale kreative Position im Verhältnis zu den sogenannten Peripherien, wie übersetzt sich das auf formaler Ebene? Ist nicht die Kultur einer Megalopolis mehr als einfach nur die einer großen Stadt? Dabei ist es egal, ob es um Mexico City oder um New York geht. Wie definiert sich in solch einer Stadt das Individuum, sein Verhältnis zu bestimmten Werten, zum Raum, sein Verhältnis zur Kultur? Das ist wichtig!

Dagegen bin ich um so zurückhaltender, was dieses ganze Gemache, diese schaurig wohlmeinenden Intentionen um die kulturellen Identitäten betrifft. Eine Identität ist kein Objekt, kein ausgehobener Schatz, den man auf Reisen schicken kann. Sie ist ein Prozeß, eine Dynamik.

Rudolph:   Wie ließen sich die von Ihnen formulierten Gedanken in einer Ausstellung umsetzen?

David:   Das wird die schwerste Arbeit. Vielleicht wird es sogar sehr paradox, denn ich bin nicht mit diesen konfusen Präsentationen sogenannter Weltkunst einverstanden. Man kann nicht einfach alles miteinander vermengen. »Les Magiciens de la Terre« basierte auf einem Konzeptfehler, der ein seltsames folkloristisches Gebilde entstehen ließ.

Es gibt ja das, was wir die Modernität nennen. Alles, was mit der Entkolonialisierung zu tun hat, fand innerhalb dieser Modernität statt. Wir bewegen uns nicht auf jungfräulichem Boden. Die indianische Kultur vor, während und nach der britischen Kolonialisierung, Genozid, künstlichen Bevölkerungsverschiebungen etc. auf dem afrikanischen Kontinent - all diese Dinge sagen ja etwas aus und müssen in einer bestimmten Perspektive gesehen werden.

Nicht alle Kulturen sind Kulturen des Bildes. So entsteht ein viel globaleres Phänomen, eine zeitgenössische Attitüde schaffend. Über das Bild an sich sollte man vielleicht nachdenken, denn natürlich gibt es z.B. auch in Lagos Werbeplakate. Es scheint mir interessanter, innerhalb eines solchen Kontextes und mit dieser Perspektive wichtige Künstler einzuladen, als oberflächlich ein Tuttifrutti zusammenzustellen. Wichtig ist, mit dem herausragenden Medium der sogenannten peripheren Kulturen zu arbeiten. Das ist nicht immer unbedingt die bildende Kunst, das kann die Literatur, Musik, Film etc. sein.

Unsere hierarchische Sektionierung funktioniert schon hier nicht immer, in diesen Ländern schon gar nicht. Darüber hinaus und allgemein sollte man sich mit dem Grad der Triftigkeit und der Relevanz auseinandersetzen. Die documenta bietet ja auch die Möglichkeit, geistig etwas auf den Punkt zu bringen. Das mag manchmal brutal sein, aber die Rahmen müssen genau gesetzt werden.
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