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Dieses Festival zeitgenössischer Kunst und Kultur
wird seit dem Jahr 2000 vom Kulturministerium der Stadt Buenos Aires
veranstaltet. Es findet jedes Mal an anderen Orten statt und bietet
den teilnehmenden Künstlerinnen, Künstlern und Gruppen einzigartige
Gelegenheiten, mit der Topografie und der Geschichte der argentinischen
Metropole in Dialog zu treten. Während das Land eine der schwersten
Krisen seiner Geschichte durchlitt, öffnete Estudio Abierto Türen
in einem Viertel nach dem anderen: zuerst die von Künstlerateliers,
dann die von leer stehenden historischen Gebäuden, die mit neuem
Sinn erfüllt wurden und in denen künstlerische Interventionen
ein spannungsvolles Verhältnis zwischen Vergangenheit und Gegenwart
zutage treten ließen. Das waren die ehemaligen Lagerhallen in
San Telmo, La Boca, Palermo Viejo und Abasto, das frühere Kaufhaus
Harrod's in Retiro, die Passage Barolo und das Kaffeehaus El Molino
in der Avenida de Mayo sowie die Marinebasis im Hafen. 2006 fand im
Palacio de Correos (Postgebäude) die bislang ambitionierteste Edition
statt, an der über 300 bildende Künstler, Musiker, Filmemacher,
Schauspieler und Theaterensembles teilnahmen.
Zuerst in Buenos Aires und anschließend via Email haben wir Ana
María Battistozzi, die Leiterin des Estudio Abierto, zu diesem
interessanten Projekt befragen können. Sie hat uns außerdem
die Fotos zur Verfügung gestellt, die wir auf den Folgeseiten veröffentlichen,
wofür wir ihr herzlich danken.
Universes in Universe: Das letzte Estudio Abierto fand im Palacio de
Correos statt, und für die früheren Editionen wurden ebenfalls
emblematische Gebäude der Stadt als Austragungsorte gewählt.
Auf welchem Konzept beruhen diese Veranstaltungen?
Ana María Battistozzi: In den meisten Fällen handelt es
sich um Gebäude, die zum historischen Erbe gehören und aus
unterschiedlichen Gründen nicht mehr genutzt wurden, die während
des Baubooms vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1940er Jahre entstanden
und das Stadtbild lange prägten. Sie stehen für eine Epoche,
in der man glaubte, Argentinien sei eine der ganz großen Nationen.
Es entstand die Idee, solche ihres Sinnes entleerten und nicht mehr
funktionierenden Bauten mit zeitgenössischer Kunst zu bespielen
und dafür die argentinischen - und auch ausländische - Künstler
aufzurufen, den in jedes dieser Gebäude eingeprägten historischen
Spuren zu folgen und sich aus der Perspektive der Gegenwart mit der
Vergangenheit auseinanderzusetzen. Das geschah besonders deutlich bei
der letzten Edition, für die wir als thematischen Rahmen "Die
Illusion des Modernen" vorgaben, denn der enorme Postpalast, der
von einem französischen Architekten aus der Ferne entworfen wurde
und den wir zeitweilig besetzten, war für die damalige argentinische
Machtelite ein Symbol der Moderne. Der riesige Baukörper mit seiner
dem Hafen zugewandten Front und der Rückseite in Richtung Pampa,
der unsere einwandernden Großeltern so sehr beeindruckte, ist
heute nichts weiter als eine leere Kiste. Einige argentinische Künstler
bezogen sich auf seine Geschichte, andere gingen mit Installationen
in die Räume hinein und untersuchten, inwieweit sich ihr Werk räumlich
ausweiten ließe - etwas, das vom Kunstmarkt in diesem Land mit
seiner eigenen Logik nicht gefördert wird. Einige Künstler
aus dem Ausland, wie die Italiener Paolo Bertocchi und Vanesa Cimera,
kontrastierten die Vorstellungen, die man in Europa früher von
Argentinien als einem gut situierten Land hatte, der "Kornkammer
der Welt", mit den heutigen. Der Spanier Francisco Ruiz Infante
präsentierte eine sehr interessante Installation über die
letzte große Krise, die man hierzulande immer noch spürt,
obwohl sich die Situation in den letzten Jahren schon verbessert hat.
Wer von außen kommt, ist stark beeindruckt davon, wie der Müll
vielen Leuten am Rande der Gesellschaft als Einkommensquelle dient.
UiU: Wie entstand die Idee des Estudio Abierto und wie viele Editionen
hat es bislang schon gegeben?
Ana María Battistozzi: Estudio Abierto entstand als ein nomadisierendes
Projekt, bei dem sich die Künstler mit der Topografie der Stadt
auseinandersetzen. Bis jetzt fanden neun Editionen in mehreren Bezirken
von Buenos Aires statt. Vom ersten Moment an war klar, dass verschiedene
und ganz aktuelle künstlerische und kulturelle Manifestationen
mit dem Spezifischen eines jeden Stadtviertels zusammengeführt
werden sollen. Das Viertel Abasto ist z.B. als Heimat der Tangolegende
Carlos Gardel bekannt, der "el morocho del Abasto" (der Schwarzhaarige
von Abasto) genannt wurde. Von den Märkten in Abasto wurde Buenos
Aires ein halbes Jahrhundert lang mit Früchten versorgt. In den
1930er Jahren war diese Vorstadt mit der Tangokultur verbunden. In den
1980ern verlegten diverse Künstler, wie Roberto Fernández
und Marcia Schvartz, ihre Wohnungen und Ateliers dorthin, und in den
1990ern wurde das Viertel zu einem Zentrum des alternativen Theaters.
In Estudio Abierto 2002 gab es zahlreiche Bezüge darauf, um die
Vergangenheit, die Gegenwart und die charakteristischen Schichten dieser
Gegend zu erfassen.
UiU: Welches ist der Leitgedanken von Estudio Abierto? Ist es der Rundgang
durch die Ateliers oder mehr die Wiederbelebung und Wertschätzung
historischer Gebäude?
Ana María Battistozzi: Im Grunde geht es um beides. Anfangs
waren die Atelierrundgänge für das Publikum sehr attraktiv.
Wir begannen damit in San Telmo, wo etliche herausragende Künstler
ihre Ateliers haben, so z.B. Josefina Robirosa, Carlos Gorriarena, Marcos
López, RES, Alicia Carletti, Matilde Marín, Claudia Aranovich,
Magdalena Jitrik, Fabián Burgos. Sie gehören verschiedenen
Generationen an und ermöglichten dem Publikum unterschiedliche
Einblicke in die aktuelle Kunstproduktion. In der letzten Edition stießen
die Führungen durch die vier Geschosse des Palacio de Correos auf
sehr großes Interesse. Viele Besucher, die daran teilnahmen, gehen
normalerweise kaum in Museen und Galerien und verfolgen das Kunstgeschehen
nicht. Sie interessierten sich aber für die Werke, als sie ihnen
von den Künstlern selbst erklärt wurden. Im allgemeinen entwickelt
man ja eine größere Affinität zu dem, was man näher
kennen lernt, seien es die Künstler oder die Gebäude der Stadt.
Ich denke, in den neun Editionen hat Estudio Abierto wesentlich zur
Bildung eines neuen Publikums beigetragen. Und das vor allem im Sinne
einer Vermittlung von Wesenszügen der zeitgenössischen Kunstpraxis,
wie etwa der räumlichen Expansion, der Nutzung neuer Technologien
und des Interdisziplinären.
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Siehe auch in Universes in Universe:
Argentinien: Kunst
Systematisches Verzeichnis kommentierter Links
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Estudio Abierto
Offenes Atelier
Festival zeitgenössischer Kunst und Kultur
9. Edition:
Estudio Abierto Centro
16. Nov. - 3. Dez. 2006
Ausstellungsort:
Palacio de Correos
Av. Corrientes 106
Thema:
Die Illusion des Modernen
Kuratoren - visuelle Künste:
Rodrigo Alonso, Marcelo de la Fuente, Andrés Duprat, Valeria González, Rafael Cippolini, Ana Battistozzi und Nekane Aramburu
>> Übersicht
alle bisherigen Editionen
Website / Email
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